„Autobahnkirchen? Noch nie gehört. Und was soll ein Anliegenbuch sein?“
So oder so ähnlich lauteten viele Reaktionen, als ich begann, von meiner Idee zu erzählen: quer durch Deutschland zu reisen, um jene Orte zu besuchen, die man leicht übersieht – kleine Inseln der Stille am Rand der permanenten Bewegung.
Am Ende dieser Reise lagen mehr als 5.400 Kilometer hinter mir. Ich habe alle 45 offiziell anerkannten Autobahnkirchen besucht. Ich bin gefahren – von Nord nach Süd, von Ost nach West. Und ich habe mir Zeit genommen.
Zeit, um einzutreten.
Zeit, um zu verweilen.
Zeit, um zu spüren.
Ich habe jede Kirche von außen und von innen fotografiert. Vor allem aber habe ich einen Blick in das geworfen, was mich von Anfang an besonders interessierte: die Anliegenbücher.
Diese Bücher sind mehr als bloße Notizhefte.
Sie sind ein Spiegel unserer Sehnsüchte, unserer Ängste, unserer Hoffnungen.
Autobahnkirchen folgen klaren Kriterien: Sie dürfen maximal 1.000 Meter von der Autobahnabfahrt entfernt liegen, ihre Türen müssen ganzjährig von 8 bis 20 Uhr geöffnet sein, und es gibt eine Toilette.
Praktisch.
Schlicht.
Zugänglich.
Vielleicht ist es gerade diese Unkompliziertheit, die sie so besonders macht.
Während meiner Fahrt habe ich bewusst auf Musik und Hörbücher verzichtet. Ich wollte Raum schaffen. Raum für Gedanken – und für die Stimmen der Menschen, denen ich in den Anliegenbüchern begegnete.
Denn dort begegnet man Menschen.
Reisenden.
Familien.
Berufspendlern.
Pilgern.
Sie danken für überstandene Krankheiten.
Sie trauern um geliebte Menschen.
Sie bitten um Schutz, um Kraft, um Versöhnung.
Sie schreiben über Einsamkeit und Schuld, über das große Glück und die kleinen Momente des Lichts.
Manche Einträge sind wütend.
Manche sind kaum lesbar, wie geflüstert.
Andere sind von einer kindlichen Offenheit, die unmittelbar berührt:
„Ich wünsche mir eine Kinokarte für Ein Mädchen namens Willow.“
Jeder einzelne Eintrag hat mich berührt.
Denn in jedem Menschen lebt der Wunsch, sich mitzuteilen – auch dann, wenn kein Gesprächspartner da ist. Oder gerade dann.
Nach 14 Tagen auf der Straße wurde mir klar:
Diese Reise war mehr als eine Fototour.
Sie war selbst ein Anliegen.
Christian Geisler
Weitere Informationen: www.autobahnkirche.de