Sexkinos – Orte der verborgenen Lust

Jetzt beginnt sie also: meine Reise zu den letzten Sexkinos Deutschlands. Warum mache ich das eigentlich? Vor einiger Zeit hatte mir meine Frau einen Artikel aus dem ZEITMAGAZIN gegeben. „Das dürfte dich interessieren“, sagte sie mit einem Schmunzeln. Das Magazin enthielt eine Deutschlandkarte, auf der alle Sexkinos mit Ortsangaben verzeichnet waren. Sexkinos, die hatten mal eine echte Konjunktur. In den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Als die harte Pornografie teilweise legal wurde. Die Kinos lösten die Hinterzimmer ab, in denen ruchlose Pornografen die meist aus Skandinavien geschmuggelten „Nudelfilme“ im Super-Acht-Format einem kleinen Kundenkreis präsentierten. Sexkinos verdrängten die Bahnhofskinos, die mit ihren soften Nackedei-Streifen vom Kaliber eines „Unterm Dirndl wird gejodelt“ bislang die Lust am Frivolen bedienten. Mir gingen Bilder durch den Kopf. Schäbige Räume der Einsamkeit. Jenseits von Hightech und Hochglanz. Mein Plan war gefasst. 

 

Zuerst besuchte ich ein Sexkino in Hamburg, das einem Sexshop angegliedert war. Der Eintritt betrug zehn Euro für eine Tageskarte. „Damit kannst du so oft rein und raus wie du willst“, klärte mich der Betreiber auf. Ich brauchte einige Minuten, um mich an das spärliche Licht zu gewöhnen. Es war kein schöner Ort. Auf den Fernsehmonitoren liefen Pornos nonstop. Einige Kinozimmer waren nach Hetero-, Gay- oder Transsex-Vorlieben unterteilt. Es gab zusätzlich noch Solokabinen, Zweierkabinen, Pärchen-Zimmer, einen Kontaktbereich mit Getränkeautomaten und lange Flure. Die Räume waren meist mit einem Sofa aus Kunstleder, ein paar Sitzmöbeln, einem kleinen Tisch und Papierkörben eingerichtet. Einmal-Papierhalter an den Wänden rundeten die Ausstattung ab. Außer mir waren noch zwei weitere Männer anwesend. Sie saßen auf einem Sofa, musterten mich und widmeten sich wieder dem Film.

 

Das wenige, was ich dort sah, wollte ich fotografieren. Keinen Blitz benutzen, um die Atmosphäre so wiederzugeben, wie ich sie vorfand. Die Belichtungszeiten lagen durchschnittlich bei einer halben Sekunde – was meistens zu einem Verwackeln führte, aber es passte zu der Atmosphäre. Es roch nach Schweiß, die Schuhe klebten am Boden, der teils aus Beton, teils aus Teppich und Linoleumresten bestand. Benutzte Papiertücher lagen neben den Papierkörben. Eine Kunstpalme stand als Dekoration in einer Ecke. Aus den Lautsprechern klang das Gestöhne der Pornodarsteller. Nach rund 20 Minuten stand ich wieder auf der Straße und musste mich wieder an die Helligkeit gewöhnen. In den Räumen hätte man problemlos Schwarz-Weiß-Abzüge vergrößern können, so dunkel war es dort.

 

Beim Sichten der Motive war meine Neugierde endgültig geweckt, und ich beschloss, mich auf die Reise quer durch Deutschland zu machen, um die Sexkinos zu dokumentieren. Die Karte aus dem Magazin wurde zu meiner ganz persönlichen Roadmap. Ich recherchierte die Angaben und ergänzte sie um einige weitere Kinos. Ein paar musste ich wieder streichen, und am Ende blieben 130 Kinos in der ganzen Republik übrig. Zwei Wochen Zeit hatte ich mir für die Tour gegeben.

 

Nach über 5300 Kilometern, 130 Kinobesuchen (einige nur von außen, die meisten auch von innen), etlichen Gesprächen mit Besuchern und Betreibern bleibt: Das Sexkino ist in der Regel ein Ort für heterosexuelle und schwule Männer, um in Kontakt zu treten. Ganz selten waren auch Paare im Kino anzutreffen. Ein Ort, an dem bisexuelle Männer ihren Neigungen nachgehen können. Ein Ort, an dem sich Männer als Frauen verkleiden – und so akzeptiert werden wie sie sind. Das Durchschnittsalter lag geschätzt bei 50 Jahren. Aber auch ganz junge Männer und Pärchen waren dabei. Bei allen Kinos war gleich, dass sie an einen Sexshop angegliedert waren. 

 

Die Bandbreite der Sexkinos reicht vom Einraumkino in der Provinz, das wie ausgestorben wirkte, bis hin über die 2000 Quadratmeter großen Erlebniskinos in größeren Städten. Hier gibt es teilweise Themenzimmer wie eine Bibliothek, ein Telefonzimmer oder ein medizinisches Behandlungszimmer. Dort erreichen die Eintrittspreise bis zu 16 Euro. Manche Kinos stammen noch aus den 70er Jahren, andere wurden gerade erst neu gebaut. Auch in Zeiten des Internets – und der damit verbundenen pausenlosen Verfügbarkeit von Pornografie – scheint es ein Verlangen nach dem persönlichen Kontakt, nach dem individuellen „Kick“ zu geben.

 

Nach meiner 14-tägigen Tour durch Deutschlands Sexkinos ist es schön, nun wieder das „Tageslicht“ zu genießen, denn in den Kinos gibt es weder Tag noch Nacht – ein im wahrsten Sinne des Wortes zeitloser Ort.

 

 

Beobachtungen und Gesprächsnotizen

 

Ein Sexkino-Betreiber in Nordrhein-Westfalen erzählte mir: „Ich mach das hier für meinen Vater, der sich die Rente aufbessern muss. Seit 2001 ist das hier ein Sexkino. Vorher war es ein normales Kino. Mit der Zeit werden es immer weniger Kunden. Es ist sehr schwierig, heute Menschen dafür zu begeistern, in ein Sexkino zu gehen. Mal ist nichts los und dann wieder auf einmal ganz viel. Man weiß gar nicht warum. Unser Vermieter sagte: "Bleibt drinnen, solange ihr könnt, denn sonst finde ich niemanden, der hier hinein möchte. Und manchmal bringt es auch Spaß im Kino.“

 

Ein Kino-Chef aus Hamburg: „Es kommen hauptsächlich Männer. Ich denke, dass ein Sexkino heute eine Kontaktbörse ist, hauptsächlich für bisexuelle Männer. Heute kamen aber auch zwei Pärchen mit einem großen Koffer und haben sich eingeschlossen. Vielleicht haben die Film- oder Fotoaufnahmen von sich gemacht.“

 

Dialog in Bayern: Ein junges Pärchen, Mitte 20, kommt ins Kino und wird dort sofort von einem ca. 35-jährigen Mann angesprochen, ob eventuell etwas mit der Frau „laufen“ könne. Die Antwort kommt prompt: „Auf keinen Fall!“ Und schon sind sie wieder draußen.

 

In Nordrhein-Westfalen: Eine Frau verlässt mit einem Motorradhelm unter dem Arm ein Pärchen-Zimmer. Ihr folgt ein Mann, der sich noch schnell das Hemd richtet. Eilig verabschieden sie sich mit einem Kuss und verlassen dann das Sexkino.

 

Sexkino in Niedersachsen: Der Kinobetreiber bastelt am Empfangstresen mit einem Lötkolben an einem Computer. Auf meine Frage, warum er das hier mache, sagt er: „Hier passiert so wenig, da muss ich mich schon mit irgendetwas beschäftigen, sonst schlafe ich noch ein. Das ist sozusagen mein zweites Standbein.“ 

Sexkino in Niedersachen (Eintritt inklusive einem Kaffee): Die Kinoaufsicht wundert sich bei meinem Verlassen des Kinos: „Was? Schon fertig? Das ging aber schnell! Und du hast nicht mal deinen Kaffee getrunken.“

 

Beobachtung in Rheinland-Pfalz: Attraktives Paar, beide um die 45 Jahre alt, sitzen am Tresen. Sie zu ihm: „Komm, lass uns endlich ficken.“ Die beiden verschwinden in einer von innen abschließbaren Pärchenkabine. Nach wenigen Augenblicken lautes Gestöhne der Frau. Klingt etwas künstlich. Nach drei Minuten schreit sie: 

„Komm, fick mich, fick mich, fick mich …“ Er: „Ich muss gleich abspritzen!“ Sie: „Nein, nein, nein, fick mich, bitte fick mich weiter!“

 

Beobachtung in Sachsen: Ältere Dame, circa 65 Jahre alt, sitzt in einer kleinen Kabine. Junger Mann, keine 30, tritt zu ihr herein – und die Tür bleibt für eine ganze Weile geschlossen.

 

Beobachtung in Bayern: Der Betreiber geht zu einem Kunden, der auf einem Sofa mit einem Bier in der Hand sitzt und sagt zu ihm: „Das du mir nicht wieder einschläfst, darauf habe ich einfach keinen Bock mehr.“

 

 

Beobachtung in Berlin: Ein ca. 50 Jahre altes Paar, sie im Netzteil, barbusig, vollschlank. Er im T-Shirt und Unterhose. Sie vergnügen sich im Pärchen-Raum, lassen sich dabei durch angrenzende Kabinen von drei Männern beobachten. Sie befriedigt zwei der Männer durch die Glory Holes der Einzelkabinen.