Auf den Spuren von Roberto Alajmo

Palermo sehen und lieben
Als ich das erste Mal nach Palermo reiste, hatte ich keine Vorstellung von dieser Stadt. Es war 2007 und ich besuchte den sizilianischen Liedermacher Pippo Pollina, um für die Produktion einer Musik-DVD einige Videosequenzen zu drehen. Schon nach wenigen Stunden war ich fasziniert von der Stadt – von was genau konnte ich nicht sagen: Waren es die Menschen, die Gebäude, die Gerüche, der Lärm, die Lebendigkeit, der Charme oder wie mein Freund einfach sagte: hier ist einfach alles barock.

Bei meinem ersten Besuch besichtigte ich wahllos Kirchen, Marktplätze, Cafés, Parkanlagen – und entdeckte Palermo, ohne genau zu wissen, was ich da sah. Über allem lag ein Schleier des Geheimnisvollen, vielleicht sogar Gefährlichen. Unter anderem kam mir bei einem meiner Streifzüge die Mafia in den Sinn und ich fragte mich, ob mein Fotografieren auf Ablehnung stoßen könnte. Nach meinem ersten Besuch fuhr ich noch vier weitere Male nach Palermo und lernte die Stadt immer besser kennen.


Ende 2009 bekam ich das Buch »Palermo sehen und sterben« von Roberto Alajmo geschenkt. Nach der Lektüre hatte ich sofort den Wunsch, erneut nach Palermo zu reisen, um all die Dinge noch einmal zu sehen, die ich zwar größtenteils schon gesehen hatte, aber eben nur rein zufällig. Alajmos Beschreibungen inspirierten mich zu einer weiteren Reise und den neuen Fotoaufnahmen. Eine Reise auf den Spuren von Roberto Alajmo.

Wie gebannt wandelte ich erneut durch die Stadt, um die Dinge zu entdecken und zu besichtigen, an denen ich vorher oft gedankenlos vorbeigegangen war. Ich sah die Vucceria, wo ich mich schon bei meinen ersten Besuchen über die wenigen »echten« Kunden gewundert hatte. Dank Alajmos wusste ich warum:

 

»So hat sich zum Beispiel die Vucciria zu einem Geistermarkt entwickelt. Schuld daran ist wohl das grelle Scheinwerferlicht, das die Medien im Laufe der Jahre auf dieses Viertel richteten. Kein Spielfilm und keine Dokumentation, die auf eine so malerische Kulisse verzichten konnte. Nach und nach verwandelten sich die Olivenhändler hinter den riesigen Verkaufsständen in Filmkomparsen. Die Vucciria kam in Mode. Zu viele Touristen, zu viele Photoapparate und zu viele Fernsehkameras ließen die Preise in die Höhe schnellen. Bis die eigentlichen Bewohner des Viertels paradoxerweise begannen, anderswo einzukaufen. Wie auch für andere Stadtviertel gibt es einen Sanierungsplan. Ein Plan kann zwar einsturzgefährdete Gebäude retten, doch den Kunden nicht vorschreiben, dass sie ihre Einkäufe lieber hier statt dort erledigen sollen.«

Ich kam an den Fensterauslagen in der Via della Libertà vorbei, bei denen ich mich oft gefragt hatte, womit die Leute denn hier ihr Geld verdienen – eine Frage, die auch Alajmo beschäftigt:

 

»Oder auch angesichts der Masse von Luxusgeschäften in der Via della Libertà. Wenn Vuitton beschließt, ausgerechnet hier eine Filiale zu eröffnen, heißt das, dass man sich schon über die potentielle Kundschaft Gedanken gemacht haben wird.«

Plötzlich sah ich auch die schönen Hotels der Stadt unter einem anderen Licht:

 

»Man hat dir außerdem bestimmt die Namen berühmter Leute aufgezählt, die hier abgestiegen sind. Allerdings wohl ohne das transatlantische Mafiatreffen zu erwähnen, das nach dem Krieg in ebendiesem Hotel delle Palme stattfand.«

Und wunderte mich wieder über die gut besuchten McDonald’s-Filialen – die auch bei Alajmo auf Unverständnis stoßen: 


»So wurden zum Beispiel innerhalb weniger Jahre drei McDonald’s-Restaurants eröffnet. Solche Filialen sind stets ein interessantes Indiz für den Grad der Anpassung an die globale Vereinheitlichung. Auf einem bestimmten Niveau der Unterentwicklung sind sie sogar ein Trost.«

»Palermo – sehen und lieben« ist eine fotografische Reise durch die sizilianische Hauptstadt auf den Spuren von Roberto Alajmo mit faszinierenden Aufnahmen aus ungewöhnlichen Blickwinkeln und Perspektiven. Aufgenommen wurden die Bilder mit einer schlichten Mittelformatkamera aus Plastik (Diana F+) auf Farbrollfilm. Durch die natürliche Vignetierung und den Abfall der Schärfe zum Rand hin, lenken diese Aufnahmen die Blicke unwillkürlich ins Zentrum des Bildes.